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Artikel über KRIST & MÜNCH
von Thomas Fraps
Bericht in der Magie über Denis Behr mischt aufDenis Behr mischt auf! (Besprechung für die MAGIE von Thomas Fraps)

„Nach diesem Abend werden Sie dieses Objekt nicht mehr mit denselben Augen sehen. Wirklich, Sie werden traumatisiert sein...“ Der Mann hat recht, es stimmt. Zumindest für meine Begleitung. Ich besuche den zweiten Solo-Abend von Denis Behr mit einem begeisterten Zauberfreund, der sein Hobby als Amateur im besten Liebhaber-Wortsinn betreibt, doch trotz seines jahrzehntelangen Enthusiasmus für die Zauberkunst, konnte er nie so richtig warm werden mit der Kartenzauberei. Schade eigentlich. Dieser Abend im April jedoch ändert sein magisches Weltbild. Er ist traumatisiert und „erschüttert“, daß 70 Minuten Kartenzauberkunst so verblüffend und unterhaltsam sein können.

Ich bin ähnlich verblüfft, aber weniger erschüttert, kenne ich doch Denis’ Fähigkeiten bereits seit fast 10 Jahren, als er zum Studium nach München gezogen und „auf den richtigen Weg“ gekommen ist (wie er es nennt). War er vor seiner Münchner Zeit dem Alkohol eher abgeneigt, so trinkt er mittlerweile literweise Bier, natürlich nur zur Steigerung seiner Gedächtniskapazität versteht sich, doch dazu später mehr.

Der Abend beginnt mit einem Freigetränk(!) im Foyer des Krist & Münch, dem stilvollen Close-up Theater in München, das mit seinen 66 Plätzen (auf vier Reihen verteilt) bestens ausgestattet ist, um allen Zuschauern perfekte Sicht auf die unmöglichen Kapriolen eines Kartenspiels zu geben.

Das außergewöhnliche Ambiente des Theaters erzeugt eine wunderbar-konzentrierte Atmosphäre im Publikum, die den Genuß komplexer Kunststücke erst so richtig ermöglicht. Fast schon ein Anachronismus im Zeitalter der hyperaktiv-virtuellen YouTube-Street-Credibility-Knallfrosch-Zauberei mit cool-krassem Nanosekunden-Rhythmus.

Denis beginnt mit einem,autobiographisch betrachtet, sinnvollen und nur vermeintlich trocken-mathematischen Kartentrick dessen Text und Effekt sofort Erinnerungen an den Matheunterricht aus Schulzeiten wachruft: man versteht nichts, ist aber am Ende trotzdem verblüfft (über das Ergebnis).Eine ungewöhnliche Wahl als Eröffnungskunststück, doch bei Denis funktioniert es perfekt, sein (Bühnen?)Charakter ist nebenbei auch gleich eingeführt und die Zuschauer
sind danach auf seiner Seite.

Es folgen Klassiker der Kartenkunst, wie Nate Leipzigs Matching the Cards oder Francis Carlyles Homing Card, gepaart mit modernen Klassikern wie David Williamsons Torn and Restored Transposition, Gary Kurtz’ King Thing und einer teuflischen Triumphvariation von Pit Hartling. Eine hervorragende Effektauswahl, die dem sprachlosen Publikum kaum eine Verschnaufpause läßt, nur mein Zauberfreund
hat noch Luft, um zum ersten Mal leise seine Erschütterung zu äußern.

Zwischendurch garniert Denis das Programm mit Eigenkreationen, wie dem auf Höchstleistung trainierten, kartenjagenden Gummiband Herbert, unmöglichen Memospiel-Variationen und komplexen Kompositionen, wie der abschließenden Pokerdemo mit erschlagendem Finale.

Werden auch im ersten Teil des Abends auffallend viele Karten gezogen und wiedergefunden, so fällt diese leichte Monotonie den Zuschauern nicht auf, zu
geplättet ist deren Großhirnrinde, um auch nur ansatzweise strukturelle Schwächen auf der Metaebene zu erkennen.

Der Abend ist vergleichbar mit dem Programm eines Konzert-Pianisten, der sich in den Dienst der Musik stellt und Stücke verschiedener Epochen auswählt, um sein Publikum auf das Angenehmste zu unterhalten. Die virtuose Beherrschung des Instruments wird dabei vorausgesetzt, die Frage ist nur welche Musik er zu Gehör bringt.

Und die Beschränkung auf ein einziges Instrument, dem Kartenspiel, ist aufgrund seines Reichtums an Möglichkeiten weniger monoton, als es den Anschein haben mag. So erinnert die Stimmung des Abends auch an ein Soloklavierkonzert, mit dem Unterschied, daß es um einiges lustiger zugeht und vor allem mehr Bier fließt.

Dieser hefehaltige Zaubertrunk mit mindestens 6% Stammhirnwürze, spielt eine besondere Rolle, ermöglicht er es Denis doch ganze Kartenspiele in Sekunden auswendig zu lernen. Natürlich nur bei ausreichender Dosierung und so werden die Zuschauer Zeugen, wie vor ihren Augen ein kompletter Liter des bernsteinfarbenen Elixiers sichtbar aus einem Maßkrug verschwindet. Nicht umsonst verrät ein Ana-
gramm von ‚Denis Behr’, daß er den Gerstensaft in den Genen hat: „He, Bier-DNS!“

Interessant sind auch die Reaktionen des Publikums im Verlauf des Abends(die man aus der obersten Reihe des Theaters sehr gut beobachten kann). Komplettes ungläubiges Staunen, gepaart mit Entspannungsgelächter, von der ersten bis zur letzten Reihe. Bis auf meinen Sitznachbarn, der ist immer noch erschüttert.

Denis erbringt den Beweis, daß starke Zauberkunst in sich bereits einen sehr hohen Unterhaltungswert hat. Vorausgesetzt der Ausführende selbst bringt nicht nur die
Fähigkeiten, sondern auch den entsprechenden Mut und das Vertrauen mit. All das hat Denis im Überfluß.

Die Kraft der Effekte steht im Vordergrund und wird dezent aufgelockert durch seinen staubtrockenen Humor, der von spontanen Bemerkungen auf staubfusel-vom-filz-entfernende Zuschauer ("...jaja, das Auge sieht mit!“) bis zu von langer Hand geplanten Humorpassagen reicht, die ihr Witzpotential aus der umständlich loriot-artigen, oft selbstbezüglichen Formulierung eines simplen Sachverhaltes ziehen, auf deren Pointe man bis zum Ende wartet, die dann aber doch ausbleibt, in gewissem
Sinne also nicht ganz unähnlich dem Aufbau dieses Satzes.

Denis Behr mischt auf und sein Publikum staunt auf. Ein herrlich unterhaltsamer Abend, der am nächsten Morgen bestimmt keinen Karten-Kater hinterlässt, sondern eher das beschwingte Gefühl, wie schön pures Staunen doch sein kann.

So sei dieses Programm allen Kartenmuffeln, Kartenexperten und solchen, die es werden wollen wärmstens empfohlen. Im Juli trinkt Denis noch eine Maß mehr. Dann gibt es die verlängerte Version des Programms - mit Pause.  Na dann, Prost und zum Wohl!

Thomas Fraps
geschrieben von Thomas Fraps am 17.06.2011 um 11:22 Uhr.